Atemheilkunst

Der Fluss des Atems ist uns oft gar nicht bewusst. Während Sie dies lesen, achten Sie einmal ganz nebenbei auf Ihre Atemzüge: Luft, die durch Ihre Nasenflügel einströmt, breitet sich im Inneren aus zu den Lungenflügeln. Ihr Zwerchfell bewegt sich und mit ihm Ihre inneren Organe. Die Luft bewirkt notwendige Austauschprozesse und ist zu Ihrem Atem geworden. Und sie strömt zurück, hinaus als Ausatem, der Sie sprechen, lachen, weinen und singen lässt.

In der Weise, wie wir atmen, versuchen wir uns täglich den Situationen zu stellen, die das Leben bringt — in körperlicher, geistiger und seelischer Hinsicht. Was wir erleben, wirkt sich auf unseren Atem aus. Und umgekehrt: Wie viel Raum unser Atem sich nehmen kann, wirkt sich auf unser Erleben aus, auf den Körper, auf Gefühle, Denken und Handeln.

Es ist aber nicht notwendig, nach richtigem oder falschem Atmen zu fragen. Denn aufmerksames Zulassen bewirkt selbst eine Veränderung. in der Sie sich Ihrem ganz persönlichen Atemfluss nähern. In der Atembehandlung geschieht dies, indem ein „Dialog“ mit Ihrem Atemrhythmus aufgenommen wird.

Die Atemheilkunst ist Anfang des vorigen Jahrhunderts aus einer Verbindung westlicher medizinischer Erkenntnisse mit östlichem Atemwissen entstanden, maßgeblich beeinflusst von dem Naturheilarzt Dr. Carl Ludwig Schmitt. Sie wurde in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt, unter anderem von Herta Richter, die das Atemhaus München gründete. Atemheilkunst konzentriert sich auf die heilende Wirkkraft des Atems. Sie verstand sich von Anfang an als ganzheitlicher Ansatz, der körperliche, seelische und geistige Vorgänge nicht trennt.

In einer Zeit der Atemlosigkeit bedeutet die Achtsamkeit für den Atem einen anderen Umgang mit der eigenen Zeit, mit sich selbst. Der eigene Atem kann innere Tiefen und Höhen eröffnen, die weit über uns hinausgehen. Und zugleich ist er Schlüssel zu unserem Ureigensten. Es ist kein Zufall, dass viele Religionen sich in ihrer meditativen Praxis auf den Atem konzentrieren.